Wahlrundgänge
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Auf den Spuren jüdischen Lebens |
Wiesbadener Innenstadt – Gesamtüberblick über das Wiesbadener Judentum
Die Wiesbadener Innenstadt war über 250 Jahre lang auch von jüdischem Leben mitgeprägt, durch Institutionen, Geschäfte und Wohnungen – bis zur sogenannten Reichspogromnacht. Ziel dieses Rundgangs ist, Wiesbadener Geschichte mit Hilfe von Biografien neu zu entdecken, die Gebäude mit neuen Augen zu sehen oder an alte Erinnerungen anzuknüpfen. Im Rahmen dieses Rundganges wird auch der Gedenkraum im Foyer des Wiesbadener Rathauses besucht. (Anschließend können nach vorheriger Abklärung Einzelne den Gottesdienst in der Synagoge besuchen.)
Die südliche Wiesbadener Innenstadt
Zusammenleben mit Juden – NS-Zeit– Nachkriegszeit
In der südlichen Innenstadt zeigt sich besonders deutlich der Kontrast von Erinnerungen an jüdisches Alltagsleben und eigenständige jüdische Tradition zu den Zeugnissen der Verfolgung und Verschleppung: Schule, koschere Metzgerei, Rabbiner Kahn, Laubhütten im Hinterhof, Untersuchungsgefängnis in der Albrechtstraße, „Judenhäuser“, Wohnhaus von Martin Niemöller, Verwaltungsstelle von Euthanasie und Lebensborn, steinerner Anti¬judaismus an der Dreifaltigkeitskirche, Gedenken an deportierte jüdische Kinder und Sinti und Roma.
Das innere Westend
Osteuropäisches Judentum zwischen Anpassung und Ausgrenzung (1900 bis 1938)
Seit Anfang des 20. Jahrhunderts ließen sich in Wiesbaden wie anderswo in Deutschland Juden aus Osteuropa nieder und bildeten bald eine starke, zumeist arme Minderheit. Viele von ihnen sahen Deutschland nur als Durchreiseland in die USA an. Für die hiesigen Juden stellten sie eine religiöse und jüdisch-kulturelle Bereicherung dar, gleichzeitig gab es aber auch soziale Ablehnung. Den Nazis dienten sie als Klischee für ihren aggressiven Antisemitismus. Die Integrationsprobleme, mit denen es die Juden zu tun hatten, sind in diesen Straßen mit anderen Bevölkerungsgruppen heute wieder aktuell.
Spurensuche im Wiesbadener Dichterviertel
Teilweise Einbeziehung des Rundgangs durch die südliche Innenstadt
Viele jüdische Familien haben seit der Gründung des Viertels hier gelebt, die Gutenberg- und Hebbelschule hatten jüdische Schüler. Es gibt aber auch das „Judenhaus“ in der Alexandrastraße, versteckte antijüdische Symbolik und das Landeshaus als Ort von „Rassenhygiene“, „NS-Euthanasie“ und „Lebensborn“ in der NS-Zeit. Der Organisator der hessischen „NS-Euthanasie“ verschwand 1945, bevor der „Hadamar-Prozess“ im Landeshaus stattfand – und verstarb unbehelligt in den 1950er Jahren bei Fulda.
Wiesbadener Innenstadt und Bergkirchenviertel
Teilweise Einbeziehung des Rundgangs durch die Wiesbadener Innenstadt
Nördlich der Hauptsynagoge am Michelsberg lag das Bergkirchenviertel, ein „Arbeiterviertel“. Dort wohnten auch jüdische Kommunisten und Sozialdemokraten. In der Ludwigstraße wurde im Januar 1933 der Hitler-Huldigungsmarsch gestoppt, drei Monate später wurde in der oberen Webergasse der sozialdemokratische Jude Max Kassel ermordet. Der Kommunist Rudi Leitem half noch bis zu deren Deportation jüdischen Genossen im „Judenhaus“ Ludwigstraße 3.
Sozialgeschichtliche Gegensätze Nerotal und Alt-Israelitischer Friedhof am Hellkundweg
Villen im Nerotal spiegeln den großbürgerlichen Lebensstil assimilierter jüdischer Familien wider, wie sie sich vor und nach dem Ersten Weltkrieg einrichteten – z.B. die Villa Marmion, Wohnsitz der Juweliersfamilie Netter. Die Bewohner hatten sich meist von den Traditionen ihrer jüdischen Vorfahren entfernt. Aber auch der liberale Rabbiner Dr. Paul Lazarus hatte seine Wohnung in der Lanzstraße. Welches waren die Schicksale dieser Familien in der Zeit des Nationalsozialismus? Ein Kontrast zur Abwendung von religiös bestimmtem Leben lässt sich auf dem Friedhof der Alt-Israelitischen Gemeinde im Hellkundweg finden, der anschließend (mit Auto-Fahrgemeinschaften) besucht wird.
Hauptbahnhof Wiesbaden – Emigration oder Deportation
Flucht, Vertreibung und Verschleppung während des Nationalsozialismus – von 1933 bis 1945 wurde der Bahnhof zu einem „Umschlagplatz“ für Bedrängte und Verfolgte, für Zwangsarbeiter und Verschleppte. Zunächst war es noch möglich, per Eisenbahn ins Exil zu reisen, Leben und Existenz durch Flucht zu retten. Bald aber wurden jüdische Bürger aus ihrer Heimatstadt Wiesbaden vertrieben und abgeschoben. Ab Mai 1942 wurden die verbliebenen Juden und Sinti verschleppt, in die Lager deportiert, misshandelt und schließlich ermordet. Ende August 1942 mussten sich Hunderte überwiegend alte und gebrechliche Wiesbadener Juden in der Synagoge in der Friedrichstraße zum „Abtransport“ einfinden. Der Stadtrundgang wird den Weg der Deportierten nachgehen – mit Zitaten aus amtlichen Mitteilungen, persönlichen Dokumenten und Abschiedsbriefen, mit Bildern und Erinnerungen.
Jüdische Frauen – Opfer der Shoa
Verfolgung und Deportation
Schwerpunkt des Rundgangs sind die Schicksale von Wiesbadener Frauen, die in der Shoa verfolgt wurden, zum Beispiel die Schwestern Johanna Herz und Amalie Hirsch sowie Mathilde Hofer. Mathilde Hofer, die Frau des expressionistischen Malers Karl Hofer, zog nach ihrer Scheidung nach Wiesbaden und wohnte in der Kapellenstraße. Lebte sie zuvor in einer sogenannten „priviligierten Mischehe”, so war sie nach der Scheidung wie alle Juden der Verfolgung gänzlich schutzlos ausgesetzt und wurde trotz der Intervention ihrer Söhne nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Verfolger und Verfolgte
Drudenstraße – Walkmühlstraße – Gedenkstätte Unter den Eichen
Ein Gang zu den Wiesbadener Orten der Judenverfolgung, der Verfolgung von Deserteuren und des politischen Widerstandes.
Jüdische Friedhöfe
Alt-Israelitischer Friedhof am Hellkundweg und jüdischer Hauptfriedhof Platter Straße
Als „Haus des ewigen Lebens“ müssen jüdische Friedhöfe Orte ungestörter Ruhe sein, somit Orte ungebrochener jüdischer Tradition.
Der Alt-Israelitische Friedhof am Hellkundweg und der noch heute genutzte Friedhof an der Platter Straße spiegeln auch die Geschichte vom mittelalterlichen Judentum bis zu Emanzipation und Assimilation bzw. „Orthodoxie“, die Geschichte des Holocaust und den Neuanfang 1945 wider.
Ein wichtiger Teil des Wesens des Judentums wird hier auf besondere Weise erfahrbar.
(Der älteste jüdische Friedhof an der Schönen Aussicht kann wegen langwieriger Instandhaltungsarbeiten bis auf Weiteres nicht besucht werden.)
Ergebnisse von Geschichtsbearbeitung
Wiesbadener Rathaus, Michelsberg und Spiegelgasse 7-11
Besuch im Ausstellungsraum des Wiesbadener Rathauses: Einführung in das Informationssystem und Erläuterung der Ausstellung „Die virtuelle Rekonstruktion der Synagoge am Michelsberg“ sowie Vorführung des Films über die durch 3-D-Animation „wieder begehbare“ Synagoge. Anschließend gehen wir zur Installation „Fragmente und namentliches Gedenken am Michelsberg“.
Besichtigung der aktuellen Ausstellung des Aktiven Museums für Deutsch-Jüdische Geschichte in der Spiegelgasse 11 und Vorstellung der Spezialbibliothek und der Sondersammlungen im Haus Spiegelgasse 7.
Jüdisches Leben in Biebrich (Neukonzeption)
Vom Schutzjudentum zur Emanzipation – vom Patriotismus zur Shoa
Vom Residenzstädtchen zum Industrieort und Vorort Wiesbadens machte Biebrich eine rasante und sozial umwälzende Entwicklung durch. Davon blieb die kleine jüdische Gemeinde Mosbachs und Biebrichs nicht verschont. Erst in sich zerstritten, vereinigte man sich, konservativ verharrend, im 19. Jahrhundert gegen das liberale Judentum Wiesbadens und dessen Rabbiner. Diese Spannung verkörpern der bedeutende jüdische Thora-Gelehrte Seligmann Baer, der aus ärmsten Verhältnissen kam (gest. 1897), und die dem Bürgertum entstammende Sozialistin und (bis 1933) Reichstagsabgeordnete Toni Sender (gest. 1964 in New York). Die NS-Verfolgung im Ort und der Synagogenbrand werden an historischen Plätzen erklärt.
Den Abschluss bildet der Besuch des Jüdischen Friedhofs von Biebrich.
Bierstadt
Judentum im „Blauen Ländchen“
Der Rundgang durch Bierstadt will Spuren jüdischen Lebens im Ortsbild aufzeigen: die ehemalige Synagoge, verschiedene Wohnhäuser, den Friedhof an der Kloppenheimer Straße. Das Fernseh-Feature „Bierstadt – Jerusalem“ schildert das Leben des Mischa Rosenberg, Sohn des letzten Vorsängers der Kleinstgemeinde.
Schierstein
Nachbarschaftliche Nähe von Juden und Christen
Nach der Gründung des Herzogtums Nassau und der folgenden Liberalisierung hatten sich viele Juden in Schierstein niedergelassen, prägten Handel und Gewerbe mit und bereicherten das kulturelle Leben. Juden unterstützten die Revolution von 1848 und waren in Vereinen integriert. 1938 brannte nicht nur die Synagoge, es wurden Juden auch in ihren Wohnungen von der SA drangsaliert. Neben dem „neueren“ jüdischen Friedhof soll auch der „vergessene“ jüdische Friedhof an der Grenze zu Walluf besucht werden – falls Fahrgemeinschaften mit Autos gebildet werden können.
Rheingau
Vom mittelalterlichen Judentum bis zum KZ-Außenkommando
Seit Jahrhunderten gab es im Rheingau, zum bischöflichen Mainz gehörig, mehrere jüdische Gemeinden. Der in den Weinbergen oberhalb von Oestrich gelegene Friedhof verweist auf ihre Geschichte. Spuren jüdischen Lebens können in Erbach u. a. anhand der Viehhändlerfamilie Heyum und in Oestrich durch die Familien Strauß und Rosenthal nachvollzogen werden. Auf dem jüdischen Friedhof Geisenheim zeugt der Grabstein einer ungarischen Jüdin vom Schicksal der im nahe gelegenen KZ-Außenkommando inhaftierten Menschen (ab Herbst 1944).
Die Stationen dieses Rundgangs sind nur mit dem Auto zu erreichen – am Treffpunkt werden, soweit möglich, Fahrgemeinschaften organisiert.
