Historische Orte

Orte der Erinnerung in Wiesbaden

Jüdisches Leben im Kurviertel: Spiegelgasse und Webergasse
Das Haus Spiegelgasse 9 stammt aus dem Jahre 1832. Damals hatte Isaak Hiffelsheimer das Badehaus „Zum Rebhuhn“ abreißen und ein größeres Badehaus, den „Pariser Hof“, neu errichten lassen. In ihm befanden sich ein Betsaal, eine Schule und eine Mikwe. Als der „Pariser Hof“ im Jahre 1852 von einem christlichen Eigentümer erworben wurde, konnte die Mikwe von den Wiesbadener Juden weiter genutzt werden. Zuletzt wurde die Mikwe von 1946 bis 1960 genutzt.
Das heutige Haus Spiegelgasse 11, das aus dem Jahre 1735 stammt und von dem christlichen Müller der Firnselmühle erbaut wurde, ist in seiner ursprünglichen Form weitgehend erhalten geblieben. Dieses Haus ging um 1800 in den Besitz des Juden Israel Hirsch über. Für kurze Zeit bestand ein Durchgang zur Spiegelgasse 9.
In der Webergasse 46 wurde am 22. April 1933 der jüdische Milchhändler Max Kassel, der in der Hellmundstraße sein Geschäft hatte, in seiner Wohnung unter mysteriösen Umständen überfallen. Die Täter waren spät am Abend in das Haus eingedrungen, angeblich auf Anordnung des SA-Standartenführers, um Kassel zu verhaften. Von Schüssen durch die verschlossene Tür getroffen, lief Kassel zum Fenster und rief um Hilfe. Daraufhin wurde die Tür aufgetreten und Kassel von hinten tödlich getroffen. Die Tat konnte nicht aufgeklärt werden.
In der Webergasse 2 bis 4 hatte der angesehene jüdische Kaufmann Carl Bacharach sein weltbekanntes Modegeschäft, das er 1938 an einen Nazi verkaufen musste. Bacharach wurde im Gestapo-Hauptquartier verhört. Zusammen mit seiner Frau wurde er am 2. März 1939 verhaftet und saß im Gefängnis Albrechtstraße in Untersuchungshaft ein. Dort erkrankte er und starb noch im gleichen Jahr im Krankenhaus. Seine Frau wurde nach neun Monaten mit schweren Gesundheitsschäden aus der Haft entlassen. Ihr gelang die Ausreise nach Südamerika, wo sie völlig verarmt lebte. Sie musste zudem mit den Behörden der Bundesrepublik jahrelang um Wiedergutmachung kämpfen.

Synagoge der Alt-Israelitischen Kultusgemeinde, Friedrichstraße 33

Im Hinterhof des Hauses Friedrichstraße 33 stand die Synagoge der Alt-Israelitischen Kultusgemeinde, deren Inneres in der Pogromnacht zerstört wurde, die aber nicht in Brand gesetzt wurde, aus Furcht, die Flammen könnten die umliegenden Häuser erfassen.
Im Hof vor der Synagoge mussten sich im Jahr 1942 jüdische Wiesbadener vor ihrer Deportation in die Vernichtungslager einfinden.
In jenem Jahr gingen drei Transporte „nach dem Osten“. Mit dem ersten Transport am 23. Mai 1942 wurden 20 bis 30 Personen nach Polen deportiert und in einem der Vernichtungs­lager Sobibor, Belzec oder Majdanek ermordet.
Am 10. Juni 1942 fand eine weitere Deportation statt, zu der sich am 9. Juni etwa 370 jüdische Menschen in der Friedrichstraße sammeln mussten, um von dort ebenfalls „in den Osten“ transportiert zu werden.
Am 27. August 1942 versammelte sich die jüdische Gemeinde in der Synagoge zu ihrem letzten Gottesdienst. Das war das Ende dieser traditionsreichen Gemeinde.

1. September 1942 Synagoge Innenhof Registrierung von der DeportationFür den letzten großen Transport am 1. September 1942 mussten sich ungefähr 370 jüdische Menschen (lt. Angaben des Stadtarchivs Wiesbaden) bereits am Tag zuvor im Hof der Synagoge zur Registrierung melden, ein Schild mit den Personalien umgehängt und das vorgeschriebene Gepäck in der Hand. Die Nacht bis zum Abtransport verbrachten sie in der zum Teil demolierten Synagoge. Am nächsten Tag wurden sie – teils bei strömendem Regen – von der Friedrichstraße aus als Gruppe, von Gestapo-Leuten bewacht, über die Bahnhofstraße, am Bahnhof vorbei, über die Gartenfeld­straße zum Schlachthof geführt. Nur Gehbehinderte und Gebrechliche wurden in Lastwagen gefahren. An einer Viehverlade­rampe standen Waggons bereit, die sie nach Frankfurt brachten. Von dort aus gingen die Transporte nach Theresienstadt, wo sie am 2. September ankamen. Dort mussten die Opfer ihren letzten Weg in die Vernichtungslager antreten.
Im Jahr 1943 hatten sich in der Friedrichstraße 33 in der Synagoge auch die Wiesbadener Sinti und Roma zu sammeln, bis sie abtransportiert und in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert wurden.
Kleinere Transporte gab es noch bis Februar 1945. Als Letzte wurden die sog. „Halbjuden“ deportiert, Menschen mit einem jüdischen und einem nichtjüdischen Elternteil, oder Juden, die mit einem nichtjüdischen Partner verheiratet waren. In der Nazi-Sprache war von „Mischehe“ die Rede.

Ehemaliger Schlachthof, Viehverladerampe
– Abfahrt der Deportationszüge

Hier wurden von Mai bis August 1942 insgesamt etwa 770800 jüdische Menschen in Waggons verladen, die sie über Frankfurt a. M. in die Vernichtungslager im Osten brachten. Damit ging zugleich auch die traditionsreiche jüdische Gemeinde in Wiesbaden unter.
Fotos von den Deportationen, die die Türme der Dreifaltigkeits- und der Lutherkirche sowie das Dach des Landeshauses am Horizont zeigen, belegen, dass ein Teil der Transporte von der Rampe am Schlachthof ausging. Aufgrund von Augenzeugenberichten ist anzunehmen, dass bei anderen Transporten auch die Rampe auf der rechten Seite des Bahnhofs, die Gütertransporten diente, genutzt wurde.
Infoblatt

Orte jüdischer Verfolgung in Wiesbaden

Hauptquartier der SS  und der Gestapo, Paulinenstraße 711

Das Hauptquartier der SS und der Gestapo war in drei Gebäuden gegenüber dem Warmen Damm in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kurhaus untergebracht. Auf der anderen Straßenseite gab es noch zwei Bürogebäude.
Das Haus Nr. 7, die Söhnlein-Villa, das sogenannte „Weiße Haus“, ist ein Villenbau großen Stils, den der Sektfabrikant Söhnlein im letzten Jahrhundert erbauen ließ. Der Entwurf des Baus orientierte sich am Baustil des Weißen Hauses in Washington. Die Villa wurde 1938 an die Reichsregierung verkauft und war während des Krieges Gestapo-Hauptquartier. Nach dem Krieg wurde sie von den US-Besatzungstruppen besetzt und war Sitz des amerikanischen Standortkommandanten.

„Amt für Erb- und Rassenpflege“, Landeshaus, Kaiser-Friedrich-Ring 75

Im Landeshaus residierte der oberste Repräsentant der preußischen Provinz Hessen-Nassau, die die Nazis 1933 geschaffen hatten. Das Amt des Oberpräsidenten der Provinz bekleidete von 1934 bis 1943 Prinz Philipp von Hessen, der bereits seit 1930 NSDAP- und seit 1931 SA-Mitglied war.
Im Juli 1934 wurde im Landeshaus ein „Amt für Erb- und Rassenpflege“ eingerichtet, dem in den folgenden Jahren die „Gauhauptstelle für praktische Bevölkerungspolitik“, das „Amt für Volksgesundheit“ und das „Rassenpolitische Amt der NSDAP“ eingegliedert wurden.
Die beamteten Schreibtischtäter, die in Hessen und Nassau den organisatorischen Ablauf der „Euthanasie“, der Zwangssterilisationen und der Zwangsabtreibungen zu verantworten hatten, saßen und arbeiteten im Landeshaus im „Amt für Erb- und Rassenpflege“.
Der Leiter dieses Amtes, Dr. Wilhelm Stemmler, fungierte auch als Vorsitzender der erbbiologischen Kommission des Deutschen Gemeindetages. Leiter der Abteilung „Anstaltswesen“ war seit 1937 das SS-Mitglied Fritz Bernotat, ein fanatischer Nazi. Ihm unterstanden die Psychiatrischen Krankenhäuser in Hessen und Nassau, so u. a. auch die in Hadamar und am Eichberg bei Kiedrich. Bernotat war der Auffassung, Geisteskranke seien „nur unnütze Esser“, die man „totschlagen“ solle.
Das Amt war zugleich Adoptionsstelle für Kinder des „Lebensbornheimes Taunus“ am Bahnholz.
Nach 1945 war das Landeshaus Sitz der amerikanischen Militärregierung von „Groß-Hessen“. Heute ist es Sitz des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Verkehr, Technologie und Europa-Angelegenheiten.

Dienstsitz des Höheren SS- und Polizeiführers von „Rhein/Westmark“, Uhlandstraße 5

Das Haus Uhlandstraße 5 war von November 1943 bis März 1945 Dienstsitz des SS-Gruppenführers Generalleutnant der Waffen-SS Jürgen Stroop, der sich als Liquidator des Warschauer Gettos am 16. Mai 1943 einen schrecklichen Namen gemacht hat.
Welche Verbrechen und wie viele Menschenleben Stroop in seiner Wiesbadener Zeit auf dem Gewissen hat, wird sich aber wohl nie mehr feststellen lassen, denn er selbst hat alles Beweismaterial, alle Akten seiner Behörde, vernichten lassen. 1947 wurde er von den Amerikanern an Polen ausgeliefert und dort hingerichtet.

Justizbehörden und Gefängnis in der Gerichtsstraße/Albrechtstraße

Das Gebäude Gerichtsstraße 2 war damals wie heute der Sitz des Amtsgerichts und des Landgerichts Wiesbaden.
Der Form nach behielt der NS-Staat die Rechtsstaatlichkeit bei. Inhaltlich aber ersetzte er sie durch nationalsozialistische Grundsätze, deren oberste lauteten: „Recht ist, was dem Volk nützt“ und „Das Recht und der Wille des Führers sind eins“.
Von Wiesbadener Richtern wurden z. B. Urteile zur Zwangssterilisation gesprochen, die dann auch in Wiesbadener Krankenhäusern durchgeführt wurde.
Im 1995 abgerissenen Untersuchungsgefängnis Albrechtstraße saßen Personen aus allen Verfolgtengruppen ein: Kommunisten, die auf ihren Hochverratsprozess warteten, Sozialdemokraten wie der spätere Oberbürgermeister Georg Buch, der nach seiner Gefängnisstrafe ins KZ eingeliefert wurde, die Verhafteten des 20. Juli 1944, Homosexuelle, Mitglieder der bündischen Jugend, Pfarrer, Juden nach der Pogromnacht, bevor sie ins KZ Buchenwald verschleppt wurden.