{"id":513,"date":"2023-06-29T07:02:03","date_gmt":"2023-06-29T07:02:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.am-spiegelgasse.de\/?page_id=513"},"modified":"2024-01-10T14:33:28","modified_gmt":"2024-01-10T14:33:28","slug":"diskussion","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.am-spiegelgasse.de\/index.php\/diskussion\/","title":{"rendered":"Diskussion"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-white-color has-vivid-cyan-blue-background-color has-text-color has-background\" style=\"font-size:2.2rem\">Diskussion<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Zur Diskussion um die Stolperstein-Inschriften<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Um die Inschriften auf den Stolpersteinen hat sich eine heftige Diskussion entwickelt. Gunter Demnig besteht seit einiger Zeit strikt darauf, dass auf den Stolpersteinen die \u201eDelikte\u201c genannt werden, die den Nazis als Gr\u00fcnde dienten, um Menschen zu verfolgen und zu verurteilen. Es gibt daher mancherorts nun Inschriften mit Begriffen wie \u201eRassenschande\u201c, Gewohnheitsverbrecher\u201c, Volksverhetzung\u201c oder auch \u201eSchutzhaft\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Aktive Museum f\u00fcr Deutsch-J\u00fcdische Geschichte in Wiesbaden [AMS] findet dies hoch problematisch. Damit Interessierte nachvollziehen k\u00f6nnen, aus welchen Gr\u00fcnden derlei Formulierungen auf den Stolpersteinen abgelehnt oder bef\u00fcrwortet werden, ver\u00f6ffentlichen wir hier das<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"#Diskussion_1\">Statement von Gunter Demnigs Stiftung \u201eSpuren-Stolpersteine\u201c<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"#Diskussion_2\">die Stellungnahme des Arbeitsbereichs \u201eGeschichte und Erinnerung\u201c des AMS<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"#Diskussion_3\">Meinungs\u00e4u\u00dferungen von Nachkommen Wiesbadener Opfer und einem durch Kindertransport \u00dcberlebenden.<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"#Diskussion_4\">Statement von Georg Habs, Vorstand des AMS &#8222;Der Wertgehalt von Stolpersteinen&#8220;<\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" id=\"Diskussion_1\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>STIFTUNG \u2013 SPUREN \u2013 GUNTER DEMNIG <br>Erl\u00e4uterung zu den Inschriften der STOLPERSTEINE<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00fcnstler Gunter Demnig hatte 1993 erstmals die Idee zu dem Projekt STOLPERSTEINE. Er rief daraufhin ein Kunstprojekt ins Leben, das die Menschen im \u00f6ffentlichen Raum zum Innehalten und Erinnern anhalten soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Die STOLPERSTEINE markieren Orte, an denen die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes in den Jahren zwischen 1933 und 1945 begannen. Die quadratischen, messingfarbenen Gedenksteine holen die Namen der Opfer genau dorthin zur\u00fcck, wo diese Menschen gelebt, gewohnt, gearbeitet und gebetet haben. Die Erinnerung an die einzelnen Schicksale soll die Vorbeigehenden gedanklich \u201estolpern\u201c lassen und dadurch das Gedenken in das t\u00e4gliche, \u00f6ffentliche Leben zur\u00fcckholen. Die Voraussetzung f\u00fcr einen STOLPERSTEIN ist ein Verfolgungsschicksal zur Zeit des Nationalsozialismus. Mit der Inschrift auf dem Gedenkstein wollen wir die wichtigsten Etappen der Verfolgung des jeweiligen Menschen dokumentieren. Dies gelingt uns, in dem die damals vermeintlichen Delikte deutlich benannt werden. Damit wollen wir \u2013 vor allem f\u00fcr die j\u00fcngere Generation, die sich zeitlich und gedanklich immer weiter von diesem Kapitel entfernt \u2013 nachvollziehbar machen, wie absurd und haltlos die Gr\u00fcnde des NS-Regimes waren, um unschuldige Menschen zu verfolgen, zu inhaftieren und zu ermorden. Somit sind die heute als diskriminierend geltendenT\u00e4ter-Begriffe Teil der Dokumentation der Schicksale. Zudem wollen wir damit zeigen, dass es sich im Nationalsozialismus um ideologisch motivierte Verurteilungen handelte. Die deutliche Sprache der STOLPERSTEINE soll (Zeit-)Geschichte dokumentieren, denn die Stigmatisierung der Menschen war unabdingbar mit ihrem Schicksal verbunden. Au\u00dferdem soll sie dazu anregen, sich mit den damaligen Definitionen der vermeintlichen Vergehen auseinander zu setzen; eine Verharmlosung oder eine Verheimlichung dieser Schicksale w\u00fcrde unserer Meinung nach rechtes Gedankengut unterst\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Abgesehen davon verbirgt ein Teil dieser Begriffe au\u00dfergew\u00f6hnliche Geschichten. Auf diese Weise wird der verurteilte \u201eWehrkraftzersetzer\u201c zum stillen Helden, da er beispielsweise im privaten Kreis gegen das Regime gesprochen oder agiert hat. Ein Urteil \u00fcber angebliche \u201eRassenschande\u201c, das meistens \u201ej\u00fcdische\u201c M\u00e4nner traf, die eine sexuelle Beziehung zu einer als \u201earisch\u201c definierten Frau hatten, sollte diesen vorschreiben, wen sie lieben durften und wen nicht. Gerade dieses \u201eDelikt\u201c, das sich nicht nur schwer beweisen beziehungsweise widerlegen lie\u00df, \u00f6ffnete hemmungsloser Denunziation T\u00fcr und Tor.<\/p>\n\n\n\n<p>Der ebenfalls von uns dokumentierte Begriff \u201eGewohnheitsverbrecher\u201c hat im Gegensatz zu den vorherigen beiden Beispielen eine l\u00e4ngere und komplexere Historie. Das \u201eGewohnheitsverbrechergesetz\u201c stammte urspr\u00fcnglich aus der Weimarer Republik. Es wurde von den deutschen Nationalsozialisten erheblich versch\u00e4rft und f\u00fcr rassenpolitische Ideen modifiziert. Die darunter verzeichneten angeblichen \u201eDelikte\u201c waren von den Betroffenen nur schwer oder gar nicht zu widerlegen und boten unendlich viele M\u00f6glichkeiten zur Denunziation.<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso schwer wie die \u201eGewohnheitsverbrecher\u201c hatten es die als \u201easozial\u201c abgestempelten Verurteilten. Dieser Begriff war eine Sammelbezeichnung f\u00fcr Menschen aus sozialen Randgruppen und Unterschichten, die angeblich Anpassungs und Leistungsdefizite zeigten und somit der \u201eVolksgemeinschaft\u201c schaden w\u00fcrden. Der Begriff setze sich in den folgenden Jahrzehnten \u2013 anders als bei allen anderen Begriffen aus dieser Zeit \u2013 im Alltagsdenken fest. Ein breiter \u00f6ffentlicher Diskurs zu diesem Thema findet bis heute nicht statt und auch im \u00f6ffentlichen Gedenken wird diese Gruppe immer noch marginalisiert. Wenn Menschen aufgrund des \u00a7 175 verurteilt wurden, findet sich dieser Hinweis auf den STOLPERSTEINEN. Dies soll den Leser darauf aufmerksam machen, dass w\u00e4hrend des Nationalsozialismus auch Homosexuelle in Konzentrationslager gesperrt und dort h\u00e4ufig ermordet wurden. Dazu ist zu bedenken, dass eine strafrechtliche Verfolgung Homosexueller in Deutschland bis ins Jahr 1994 bestand, die gesellschaftliche Stigmatisierung hingegen h\u00e4lt sogar bis zum heutigen Tag an.<\/p>\n\n\n\n<p>Um die n\u00f6tige Distanz zu den ehemaligen NS-Begriffen auf den STOLPERSTEINEN zu wahren, stehen die Begriffe entweder in Anf\u00fchrungszeichen oder die Abk\u00fcrzung \u201esog.\u201c (sogenannt) steht vor dem Begriff.<\/p>\n\n\n\n<p>Stolpersteine m\u00f6chten nicht nur zum Gedenken, sondern auch zum Nachdenken anregen. Im besten Fall immunisieren sie uns f\u00fcr \u00e4hnliche Entwicklungen. Durch die Verwendung der Bezeichnungen soll die Sinnlosigkeit der damaligen Gesetzgebung aufgezeigt werden, ein Moment der Auseinandersetzung kreiert und die Rezipienten auf die Begriffsgeschichte aufmerksam gemacht werden. Stolpersteine wollen und k\u00f6nnen demaskieren. Die nationalsozialistischen Termini zu verschweigen, behindert die Auseinandersetzung und die Aufkl\u00e4rung der Absurdit\u00e4ten dieser Zeit.<br><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.stolpersteine.eu\/fileadmin\/pdfs\/Statement_Inschriften_2017.pdf\" target=\"_blank\">Statement Inschriften der Stolpersteine<\/a><br>(Stand: 14. April 2017)<\/p>\n\n\n\n<p>www.stolpersteine.eu<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" id=\"Diskussion_2\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Stellungnahme des Arbeitsbereichs \u201eGeschichte und Erinnerung\u201c im Aktiven Museum Spiegelgasse zu den Inschriften auf den Stolpersteinen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Von 2005 bis 2016 wurden in Wiesbaden 651 Stolpersteine vor 291 H\u00e4usern verlegt, seit 2006 in Verantwortung des Aktiven Museums Spiegelgasse, Arbeitsbereich Geschichte und Erinnerung. Das Projekt ist fester Bestandteil der vielf\u00e4ltigen Erinnerungsarbeit in unserer Stadt und das Interesse an Patenschaften ist nach wie vor gro\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit den von Gunter Demnig f\u00fcr die Inschriften der Steine mittlerweile streng vorgeschriebenen Formulierungen haben wir (wie auch Gruppen in anderen Orten) seit einiger Zeit Probleme. Es geht um Begriffe aus der T\u00e4tersprache: \u201ePolenaktion\u201c, \u201eSchutzhaft\u201c, \u201eDevisenvergehen\u201c, \u201eGewohnheitsverbrecher\u201c, \u201eVolkssch\u00e4dling\u201c, \u201eRassenschande\u201c, Hinweise auf Verurteilung nach \u00a7 175 und so weiter. Diese Begriffe sind auf den Steinen in einfache, schlecht lesbare Anf\u00fchrungszeichen gesetzt. Herr Demnig will mit der Dokumentierung der Schandurteile auf den Stolpersteinen zeigen, wie die Nazis das Recht gebeugt haben. Die Inschriften dienten der Aufarbeitung der Geschichte und die Begriffe st\u00fcnden schlie\u00dflich in Anf\u00fchrungszeichen. Man solle die Menschheit nicht f\u00fcr so dumm halten. Heutzutage k\u00f6nne jeder googeln, was gemeint sei. Herr Demnig unterstellt den Kritikern solcher Inschriften, sie wollten die Verbrechen der Nazis unter den Teppich kehren, aus dem Bewusstsein dr\u00e4ngen. (Siehe sein \u201eoffener Brief\u201c auf der Website Stolpersteine.eu)<\/p>\n\n\n\n<p>Im Statement von Demnigs Stiftung \u201eSpuren \u2013 Stolpersteine\u201c zu den Inschriften hei\u00dft es u.a.: \u201eMit der Inschrift auf dem Gedenkstein wollen wir die wichtigsten Etappen der Verfolgung des jeweiligen Menschen dokumentieren. Dies gelingt uns, in dem die damals vermeintlichenDelikte deutlich benannt werden. Damit wollen wir \u2013 vor allem f\u00fcr die j\u00fcngere Generation, die sich zeitlich und gedanklich immer weiter von diesem Kapitel entfernt \u2013 nachvollziehbar machen, wie absurd und haltlos die Gr\u00fcnde des NS-Regimes waren, um unschuldige Menschen zu verfolgen, zu inhaftieren und zu ermorden. Somit sind die heute als diskriminierend geltenden T\u00e4ter-Begriffe Teil der Dokumentation der Schicksale. Zudem wollen wir damit zeigen, dass es sich im Nationalsozialismus um ideologisch motivierte Verurteilungen handelte. Die deutliche Sprache der Stolpersteine soll (Zeit-)Geschichte dokumentieren, denn die Stigmatisierung der Menschen war unabdingbar mit ihrem Schicksal verbunden. Au\u00dferdem soll sie dazu anregen, sich mit den damaligen Definitionen der vermeintlichen Vergehen auseinander zu setzen; eine Verharmlosung oder eine Verheimlichung dieser Schicksale w\u00fcrde unserer Meinung nach rechtes Gedankengut unterst\u00fctzen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben uns intensiv damit auseinandergesetzt und sind zu der Erkenntnis gekommen, dass wir dieser Argumentation nicht folgen k\u00f6nnen. Wir akzeptieren nicht, dass ehrenr\u00fchrige Begriffe aus der T\u00e4tersprache im \u00f6ffentlichen Raum unkommentiert manifestiert werden und so die Verantwortung f\u00fcr die Verfolgung und Ermordung von den T\u00e4tern weg hin auf die Opfer \u00fcbertragen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass der \u201eHinweis\u201c auf einem Stolperstein als aufkl\u00e4rerische Provokation funktioniert, ist keineswegs sichergestellt. Missverst\u00e4ndnisse sind nach unserer Meinung vorprogrammiert und Vorurteilen wird Vorschub geleistet. Dass man die Anf\u00fchrungszeichen auf Stolpersteinen aus Augenh\u00f6he kaum erkennen kann, zumal wenn die Steine l\u00e4nger liegen, erh\u00f6ht diese Gefahr. Wir halten es auch f\u00fcr realit\u00e4tsfern, grunds\u00e4tzlich darauf zu vertrauen, dass sich Passanten nach dem Betrachten von Stolpersteinen sachgerecht im Internet informieren. Au\u00dferdem sind die Informationen im Internet ja bekannterma\u00dfen mit Vorsicht zu betrachten, zumal auf rechten Webseiten mit genau solchen Nazi-Begriffen f\u00fcr rechtsradikales Gedankengut geworben wird. Die Gefahr besteht durchaus, dass Menschen denken, da k\u00f6nne \u201eschon was dran sein\u201c. Ein weiterer Punkt ist der Datenschutz und die Verantwortung gegen\u00fcber noch lebenden Verwandten.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings liegen auch in Wiesbaden Stolpersteine mit der Inschrift \u201ePolenaktion\u201c und \u201eSchutzhaft\u201c, es gibt auch Steine, auf denen \u201eHetze\u201c und \u201eHochverrat\u201c steht. In den ersteren F\u00e4llen sind wir seinerzeit Herrn Demnigs striktem Diktum auch aus Sachzw\u00e4ngen z\u00e4hneknirschend gefolgt. In den letzteren F\u00e4llen wurden die Inschriften von den Paten festgelegt bzw. akzeptiert. In den Jahren seither hat sich in unserer Gruppe jedoch eine gr\u00f6\u00dfere Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Problematik herausgebildet, die uns nun zu einer anderen Haltung gebracht hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit unserer Argumentation stehen wir nicht allein; wir h\u00f6ren von vielen Stolperstein-Gruppen, die sich mit diesem Problem der Inschriften auseinandersetzen. Die Stadt H\u00f6chst z.B. hat mittlerweile deshalb das Stolpersteinprojekt beendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir berichten bei den Stolpersteinverlegungen so genau wie m\u00f6glich \u00fcber die Einzelschicksale und \u00fcber die Hintergr\u00fcnde der Verfolgung und Verurteilung. Unsere Rechercheergebnisse werden in B\u00fcchern \u00fcber die Wiesbadener Stolpersteine dokumentiert. Erinnerungsbl\u00e4tter f\u00fcr Familien oder Einzelpersonen werden regelm\u00e4\u00dfig erstellt, \u00f6ffentlich ausgestellt und sind im Netz abrufbar. Auf diese Weise wird nicht nur die Erinnerung an die Menschen wach gehalten, sondern auch \u00fcber die politischen und gesellschaftlichen Hintergr\u00fcnde informiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Es bedr\u00fcckt uns au\u00dferordentlich, dass derzeit offenbar keine Verst\u00e4ndigung zwischen den entgegengesetzten Auffassungen m\u00f6glich ist. Unserer Meinung und Erfahrung nach ist das Konzept der Stolpersteine wie kein anderes geeignet, die Menschen unmittelbar anzusprechen, weil sie aus Opfern Personen machen, ehemalige Nachbarn. Gerade Jugendliche kann man damit erreichen und junge Migranten sehen Parallelen zu ihren eigenen Erfahrungen von Ausgrenzung und Flucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00f6chten das Projekt gern weiterf\u00fchren, wollen aber auch unsere Argumente respektiert sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Stellungnahme von Paul Kester, 1939 als 14-J\u00e4hriger aus Wiesbaden geflohen. Seine Eltern, Gro\u00dfmutter und Tante wurden im Konzentrationslager ermordet.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch finde diese hergeholten Zutaten (Inschriften auf Stolpersteinen wie Devisenvergehen, Schutzhaft, Rassenschande, Gewohnheitsverbrecher) unbegreiflich und nicht nur unangebracht, sondern geschmacklos. Sie sind gegen das Interesse der Nachfahren. Wenn auf den Steinen meines Vaters oder meiner beiden Onkel (bei denen Schutzhaft oder Rassenschande stehen w\u00fcrde, wenn sie jetzt erst verlegt w\u00fcrden) so etwas st\u00fcnde, w\u00fcrde ich sie sofort entfernen lassen. Ich bin vollkommen Eurer Meinung. Und bitte Euch, dabei zu bleiben.\u201c (Gespr\u00e4ch vom 25.11.2017)<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" id=\"Diskussion_3\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Stellungnahme von Elaine Sinclair, Enkelin von Kalman Keh, der 1938 aus Wiesbaden floh und verschollen ist<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-style:italic;font-weight:400;text-transform:none\">\u201eI agree with the stance taken by the Aktives Museum on the use of Nazi terminology on Stolpersteine. This is for the following reasons:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>I don&#8217;t believe German people will look up what the Nazi terminology means. They will understand the German words and won&#8217;t necessarily know that it is Nazi terminology.<\/li>\n\n\n\n<li>It provides those with racist views with terminology and ideas on actions that they may not have had. At a time when open racism is becoming widespread across Europe and the US and when the AfD is increasing in influence in Germany this would be very worrying and against one of the main outcomes of providing the Stolpersteine.<\/li>\n\n\n\n<li>It would &#8217;normalise&#8216; Nazi terminology making it everyday and common place and as a result will reduce its emotional impact.<\/li>\n\n\n\n<li>In many cases the action accompanying Nazi wording is very different from the meaning of the words. For example, Nazi propaganda talked about resettlement in the East not about transport to death camps. A lot of the wording you have given as examples sounds relatively gentle compared with what happened. Again, it&#8217;s easy for the very sanitised meaning of the words to become how people remember what happened under the Nazis. They will see the words everyday and will forget what they meant in reality.<br><\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p style=\"font-style:italic;font-weight:400\">I think it would be a very big mistake.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-style:italic;font-weight:400\">\u201eIch stimme mit der Haltung des Aktiven Museums zur Nazi-Terminologie auf den Stolpersteinen \u00fcberein. Und zwar aus folgenden Gr\u00fcnden:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Ich glaube nicht, dass die Deutschen nachschlagen werden, was die Nazi-Terminologie bedeutet. Sie werden die deutschen Worte verstehen und nicht notwendigerweise wissen, dass es Nazi-Terminologie ist.<\/li>\n\n\n\n<li>Es versieht Menschen mit rassistischen Anschauungen mit Terminologie und Ideen f\u00fcr Aktionen, die sie sonst vielleicht nicht gehabt h\u00e4tten. In einer Zeit, in der offener Rassismus sich \u00fcber Europa und die USA weit verbreitet hat und in der die AfD an Einfluss in Deutschland gewinnt, w\u00e4re dies sehr besorgniserregend und w\u00fcrde der wichtigsten Zielsetzung des Stolpersteinprojekts zuwiderlaufen.<\/li>\n\n\n\n<li>Es w\u00fcrde Nazi-Terminologie \u201enormalisieren\u201c, indem es sie allt\u00e4glich und zum Gemeinplatz macht und als Ergebnis ihre emotionale Wirkung reduziert.<\/li>\n\n\n\n<li>In vielen F\u00e4llen unterscheidet sich die Handlung, die Nazi-Sprache begleitet, sehr von der Bedeutung der Worte. Zum Beispiel sprach die Nazi-Propaganda von \u201eUmsiedlung in den Osten\u201c, nicht von Transport in Todeslager. Eine Vielzahl der Worte, die ihr als Beispiele genannt habt, klingt relativ harmlos verglichen mit dem, was passierte. Nochmals, es ist leicht dass die sehr besch\u00f6nigte Bedeutung der Worte bestimmt, wie sich die Menschen daran erinnern, was unter den Nazis passierte. Sie werden die Worte jeden Tag sehen und vergessen, was sie in Wirklichkeit bedeuteten.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p style=\"font-style:italic;font-weight:400\">Ich glaube, es w\u00e4re ein sehr gro\u00dfer Fehler.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Stellungnahme von Dr. Gideon Hess, Neffe des Wiesbadeners Bernhard Sipper,der mit 27 Jahren in Auschwitz ermordet wurde.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was die Beschriftung der Stolpersteine anbelangt, da bin ich ganz Ihrer Meinung. Tatsache ist, dass die Nazis systematischen Massenmord begangen haben. Da ist das Nennen der Vorw\u00e4nde, auch wenn sie klar und deutlich als solche dargestellt w\u00e4ren, erst recht, wenn die Chance besteht, dass sie missinterpretiert werden, irrelevant und \u00fcberfl\u00fcssig.\u201c<br>(Mail vom Dezember 2017)<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" id=\"Diskussion_4\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-medium-font-size\">Der Wertgehalt von Stolpersteinen<\/p>\n\n\n\n<p>Gunter Demnig hat das Projekt \u201eStolpersteine\u201c 1993 erdacht und auf den Weg gebracht. Zwischenzeitlich hat er in Europa insgesamt ca. 75.000 Stolpersteine verlegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Stolpersteine sollen Ansto\u00df erregen, Denkansto\u00df sein.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich sind Stolpersteine prim\u00e4r \u201eEyecatcher\u201c, Mittel zum Zweck der \u00dcbermittelung einer recht einfachen Botschaft:<\/p>\n\n\n\n<p>Die vom NS-Staat Verfolgten lebten mehrheitlich in unmittelbarer Nachbarschaft zu Nicht-Verfolgten. Stolpersteine machen kenntlich, welche Lebensl\u00fcge die Behauptung ist, man habe in der NS-Zeit vom Verschwinden seiner j\u00fcdischen Nachbarn sowie anderer dem Regime missliebiger Personen nichts mitbekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich sind Stolpersteine aber nicht irgendwelche austauschbaren \u201eEyecatcher\u201c, sondern schon von ihrer Machart her etwas ganz Besonderes: Die Oberfl\u00e4che der Stolpersteine ist aus Metall. Ihre Messingfarbe strahlt die W\u00fcrde aus, die man beispielsweise von Hinweisschildern an Konsulaten und Botschaften kennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Freunde und Bekannte von mir f\u00fchlen sich von Stolpersteinen auf ihren Wegen gegr\u00fc\u00dft und gr\u00fc\u00dfen ohne Worte zur\u00fcck. Sie verstehen Stolpersteine als Mahnung, die namentlich Genannten nie dem Vergessen preiszugeben. Das macht Stolpersteine f\u00fcr sie zu kleinen Gedenkorten. Wiederum Gedenkorte verlangen nach einem pfleglichen Umgang.<\/p>\n\n\n\n<p>Horizontale, in Gehwege eingebettete Gedenkorte, sind f\u00fcr manche Menschen grunds\u00e4tzlich ein Unding. Diese Menschen treibt die Sorge um, auf Stolpersteinen und damit auf dem Gedenken an Verfolgte werde fortlaufend r\u00fccksichtslos herumgetrampelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Alltagserfahrung best\u00e4tigt diese Sorge in der Regel nicht. Was dann und wann vorkommt, ist passagere Unachtsamkeit gegen\u00fcber den provokativen Installationen mit aufkl\u00e4rerischer Absicht. Aber die meisten Menschen <a>lenken \u2013 ob <\/a>aus unbewusster Scheu oder bewusstem Respekt \u2013 beim Anblick von Stolpersteinen ihre Schritte ein wenig zur Seite, vermeiden jeden Direktkontakt von Hinweisplatten und Schuhwerk.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich ist gelungenes Gedenken stets eine Inszenierung, die mitten im Alltag die gew\u00f6hnliche Wahrnehmung aufbricht, Menschen zum Innehalten bringt, mit Bedenkenswerten konfrontiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Nah-inszenierungen m\u00fcssen barrierefrei sein. Eine Bannmeile der W\u00fcrde-Sicherung kann es bei solchen Nah-Inszenierungen inmitten des Alltags nicht geben. Solche Nah-Inszenierungen weisen irgendwann Alterungs- und Abnutzungsspuren auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Nah-Inszenierungen laden aber auch zur Beseitigung dieser Spuren ein: Glanzlose Stolpersteine werden nicht nur in Wiesbaden regelm\u00e4\u00dfig von Freiwilligen aufpoliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in anderer Hinsicht wirken Stolpersteine als Aktivatoren \u2013 setzen Menschen in Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Stolpersteine liegen in vielen Quartieren dicht an dicht. Sie markieren Wegstrecken, die nicht der Erledigung eines allt\u00e4glichen Ziels zusteuern, sondern von Anfang bis Ende den Charakter von Mahng\u00e4ngen haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mahng\u00e4nge von Stolperstein zu Stolperstein, die in Wiesbaden angeboten werden, verweisen mit ihrem Kreuz und Quer auf die reale Vielfalt des Lebens, die in den Jahren des NS-Staates der Vernichtung preisgegeben war.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Mahng\u00e4nge von Stolperstein zu Stolperstein rufen uns Menschen ins Ged\u00e4chtnis, die nur zu Opfern wurden, weil andere Menschen sie mit brutaler Gewalt zu Opfern machten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diskussion Zur Diskussion um die Stolperstein-Inschriften Um die Inschriften auf den Stolpersteinen hat sich eine heftige Diskussion entwickelt. 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