zur feierlichen Eröffnung des neu gestalteten Platzes an der Spiegelgasse am Samstag, dem 29. November 2025 von 14:00 – ca. 16:30 Uhr

Vielen meiner Freundinnen und Freunden sagt dieser Ort bis heute nichts.

Was man nicht kennt, bleibt einem fremd, bleibt gesichtslos.

Tatsächlich hat dieser Ort viel zu erzählen.

Ich fange mit Haus Nr. 7 an.

sten Sie, dass hier ab 1891 „Gichtwasser“ hergestellt wurde?


Die Produktion lief lange, aber ohne großen Erfolg – kein Wunder bei dem Namen.

Zweite Frage:
Wussten Sie, dass die „Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS)“, die hier im Haus Nr. 7 seit zehn Jahren arbeitet, ihren Hauptsitz bereits 1965 von Lüneburg nach Wiesbaden verlegt hat?

Wissen Sie, wo die GfdS zwischenzeitlich in Wiesbaden versteckt war?

Nein? Ich auch nicht!

Dafür weiß ich, wie nützlich die GfdS ist.
Sie leistet vieles.
Unter anderem erteilt sie im Internet hilfreiche Auskünfte.
Eine Nutzerin stellte dort vor Kurzem die Frage, ob es „Ich bin geritten! oder „Ich habe geritten“ heißt.

Antwort der GfdS:
Das kommt auf den Kontext an.
Liegt der Fokus auf der Ortsveränderung, die durch das Reiten entsteht, so verwendet man „Sein“ – „Ich bin durch den Wald geritten.


Geht es um den Vorgang des“ Reitens selbst, so greift man auf das „Haben“ zurück – „Ich habe das Pferd geritten“ – es kann auch ein Esel sein.

Das „Unwort“ des Jahres wird übrigens nicht von der GfdS gekürt, sondern von einer institutionell unabhängigen Jury aus sechs Fachleuten.

2025 heißt das Unwort des Jahres „Biodeutsch“.

Die SWR-Aktuell-Moderatorin Ulrike Alex hat mit der Jurysprecherin Constanze Spieß dazu ein Interview geführt.

Die SWR-Aktuell-Moderatorin Ulrike Alex fragte – ich zitiere:
„Biodeutsch ist als satirischer Begriff auf Kabarettbühnen bekannt geworden. Warum ist das jetzt böse?“

Constanze Spieß antwortete:
„Das war in den 90er-Jahren, das ist jetzt auch schon eine Zeit lang her. Und wir kritisieren auch gar nicht den satirischen, ironischen Sprachgebrauch dieser Vokabel. Uns geht es darum, dass diese Vokabel zunehmend in einem wörtlichen, unreflektierten und gedankenlosen Modus verwendet wird, um eine […] biologistische Form von Nationalität zu konstruieren…“

Ulrike Alex setzte nach:
„Mir gefällt ja der Begriff Kartoffel-Deutsch. Ist das jetzt schlecht?“

Constanze Spieß:
„Das kommt immer auf den Kontext an, würde ich sagen. Das kann man das nicht per se sagen, denn Unwörter entstehen im Gebrauch, und dazu muss man sich die Kontexte anschauen.“

Ich sage mir und Ihnen:
Wenn es vorrangig um den Zusammenhang und die Absicht einer Wort-Wahl geht, sollte man sich gut überlegen, ob man ein Wort als „Unwort“ etikettiert, oder nicht lieber seinen miesen Gebrauch kritisiert.

Ab 1993 war ich Geschäftsführer des Landesverbandes der Hessischen AIDS-Hilfen.

Die Hauptbetroffen-Gruppe von HIV-Infektionen waren Männer, die Sex mit Männern haben.

Sie hatten sich schon damals die Beleidigung „Schwule“ angeeignet und die Schmähung in einen „Gay Pride“-Begriff verwandelt.

Kränkungen anzuprangern, finde ich richtig.
Kränkungen in etwas Positives zu verwandeln, finde ich noch richtiger.

Zum nächsten Haus – zu Nr. 9:

Im Untergeschoss seines Theater-Flügels verbergen sich drei mit Sand und Kies abdeckte, ritualbadtaugliche Tauchbecken.


Die Jüdische Gemeinde Wiesbaden hatte solche Installationen dort in den 1950er Jahren beim damaligen Thermalbad-Betreiber angemietet.

Zu dieser Zeit hatte der Musikalien-Verlag „Breitkopf & Härtel“ hier seine Geschäftsstelle hatte.



Wer weiß schon, dass das, was wir hier vom „Pariser Hof“ sehen, bereits 1833 fertig gestellt wurde und die älteren Gebäude des Badhauses „Zum Rebhuhn“ ersetzte, das erstmals 1717 urkundlich erwähnt ist.

Und wer weiß schon, dass das AMS-Ausstellungshaus in der Spiegelgasse. 11 das einzige Überbleibsel des Rebhuhn-Ensembles vom Anfang des 18. Jahrhunderts ist.


Eine 2022 für das AMS von Berthold Bubner angefertigte Rekonstruktionszeichnung zeigt eine Ansicht von 1833.

Das einfache Nutzgebäude links hat die Abriss-Pläne von 1987 überstanden.

Diesem einfachen Nutzgebäude ging schon davor manchmal ziemlich schlecht.

1962 war es von einem Zaun umschlossen.


Vor dem ersten Weltkrieg lag das Haus Nr. 11 am Lieferanten-Eingang zum Nassauer Hof.


Diese Ecke war damals keine Schokoladen-Seite der Stadt Wiesbaden.
Sie war der Keks.

Es gibt nicht immer ein „entweder/oder“ – ein „Keks oder Schokolade“.

Es gibt auch „Leibniz Choco“-Kekse und die „Prinzen-Rolle“.

Dieser Platz hier ist nützlich und schön.

Dieser Platz hier hat das Zeug dazu, die „Prinzen-Rolle“ dauerhaft auszufüllen.

Er kann und wird das schaffen, wenn wir uns jetzt nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen, sondern geben, was wir können, damit die Aufenthaltsqualität und Lebensqualität hier wachsen und gediehen.

Vielen Dank!